Vorwort: Wie dieses Buch entstanden ist und für wen
Dieses Buch soll, neben allem, was es inhaltlich sagt, vor allem als Beleg dafür dienen, was ein diszipliniert geführtes KI-Setup heute leisten kann, wenn ein Mensch nicht mehr in erster Linie schreibt, sondern kuratiert, prüft und verantwortet.
Seine Grundlage war ein Vault, ein in Obsidian geführtes zweites Gedächtnis, das über Jahre gewachsen ist: aus meiner Lehre an der THWS, aus der Zeit am Hans-Bredow-Institut, bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und im Bundespräsidialamt, aus Lektüren, Randbemerkungen, halbfertigen Gedanken, die noch keinen Platz hatten. Dieses Material war roh, assoziativ, über Themenordner verstreut, die von Digitaler Ethik über Medienrecht bis zur Politikwissenschaft reichen.
Daneben stand Zotero als überprüfbarer Quellenspeicher und darauf aufbauend das Projekt LegalLLMWiki: ein von KI-Agenten, autonom gepflegtes, ständig aktualisiertes Wiki, das die Rohquellen aus Zotero in Konzeptseiten verdichtet, Rechtsnormen und Leitentscheidungen zu eigenen Ankerknoten macht und über Verweise miteinander verknüpft, sodass jede rechtliche oder empirische Behauptung im Buch nicht auf der bloßen Plausibilität eines Sprachmodells beruht, sondern auf einer nachvollziehbaren Quelle. Wo dieses Buch einen Artikel der DSGVO zitiert, ein Urteil, eine Studie zur Wirkung von KI auf Arbeitsplätze, stammt der Beleg von hier. Das LegalLLMWiki-Setup, mit dem ich gearbeitet habe, können interessierte Leserinnen und Leser kostenlos online herunterladen und mit eigenen Daten betreiben. Es ist verfügbar unter: https://github.com/markusoermann/LegalLLMWiki.
Die Kapitel selbst entstanden in einem Wechselspiel, das sich über Monate wiederholte: Sichtung der einschlägigen Vault-Notizen und Wiki-Seiten zu einem Thema, Abgleich mit der Literaturbasis, Verdichtung zu einem Argumentationsgerüst, eine erste Rohfassung durch die KI, und dann, das Entscheidende, die Rückgabe an mich. Meine Rolle in diesem Projekt war daher eher die eines Lektors oder Kurators. Alles, was ins Buch aufgenommen wurde, ist von mir gelesen, geprüft, ausgewählt und oft umgeschrieben oder verworfen worden.
Ein KI-Modell kann Material sichten, verdichten, Bezüge herstellen und Entwürfe liefern, die kein Einzelner in dieser Breite und Geschwindigkeit hätte erstellen können. Aber was am Ende bei mir blieb, war die Entscheidung, welche These das Buch überhaupt vertritt, welcher Gedanke trägt und welcher nur klug klingt, wo eine Analogie erhellt und wo sie nur schmückt, und die Verantwortung für den Text.
Genau das war der Punkt der Übung: das eigene Denken durch die Maschine zu erweitern, ohne ihr das Urteil zu überlassen. Ob mir das gelungen ist, darf die Leserin, der Leser an diesem Buch selbst prüfen. Der Versuch schien mir der Mühe wert, gerade weil dieses Buch von genau jenem Verhältnis von Mensch und Maschine handelt.
Bleibt die Frage, für wen das alles geschrieben ist. Nicht für ein Fachpublikum. Dieses Buch setzt weder juristische noch soziologische Vorkenntnisse voraus; wo es Fachbegriffe verwendet, erklärt es sie verständlich, so hoffe ich. Es richtet sich an alle Leserinnen und Leser, die den Verdacht teilen, dass mit dem Freiheitsversprechen der Gegenwart etwas nicht stimmt, und die sich mit der Annahme nicht zufriedengeben wollen, es liege an ihnen selbst. An mangelnder Disziplin, an zu viel Bildschirmzeit, an der falschen inneren Einstellung. Wer beruflich mit digitaler Technik, mit Recht, mit Bildung oder mit Politik zu tun hat, wird vieles wiedererkennen. Nötig ist das nicht. Nötig ist allein die Bereitschaft, eine Diagnose auszuhalten, die keine einfache Lösung verspricht, und die Neugier, ob sich aus ihr trotzdem eine Haltung gewinnen lässt. Der Mehrwert, den ich mir erhoffe, ist deshalb kein Programm, sondern eine Schärfung des Blicks: dass man hinterher genauer unterscheiden kann, was am eigenen Unbehagen persönliches Versagen ist und was strukturelle Zumutung.
Markus Oermann
Diese Ausgabe erscheint als öffentliche Beta, Kapitel für Kapitel. Das heißt auch, dass sie noch nicht fertig ist und besser wird, wenn Sie mitlesen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt oder eine Quelle nicht trägt, können Sie das direkt vorschlagen. Das vollständige Manuskript liegt offen auf GitHub. Dort lässt sich jede Beobachtung als Hinweis festhalten (ein „Issue“) oder als konkrete Textänderung einreichen (ein „Pull Request“). Wer mit diesen Werkzeugen nicht vertraut ist, schreibt einfach eine kurze Notiz auf der Issue-Seite; Vorkenntnisse sind nicht nötig.