Einleitung: Das Gefühl und der Bogen

Es ist kurz nach sechs. Der Wecker hat nicht geklingelt. Das Smartphone hat vibriert, lautlos, aber bestimmt, wie es sich für ein Gerät gehört, das seinen Besitzer besser kennt als dessen engste Freunde. Die Hand greift danach, noch bevor die Augen richtig offen sind. Ein Reflex, kein Entschluss. Auf dem Sperrbildschirm: drei Nachrichten, zwei Erinnerungen, eine Benachrichtigung der Krankenkasse. Darunter, klein, aber bestimmt: die Zusammenfassung der Schlafqualität. Sieben Stunden, zweiunddreißig Minuten. Erholungsindex: mäßig. Man hat also nicht besonders gut geschlafen, das weiß man jetzt objektiv, belegt durch Sensoren, berechnet durch einen Algorithmus, dessen Funktionsweise man nicht kennt. Man ahnte es schon in den ersten bewussten Sekunden des Tages. Jetzt hat man es schwarz auf weiß, und das Wissen macht den Morgen ein wenig schwerer.

Dann der Nachrichtenfeed. Kriege, Klima, eine politische Krise, die gestern Abend noch nicht existierte. Ein Kommentar, der empört. Ein Gegenkommentar, der die Empörung für naiv erklärt. Die Daumen scrollen, der Puls steigt unmerklich. Irgendwo zwischen der dritten und der vierten Schlagzeile taucht eine Werbeanzeige auf, so passgenau, dass sie sich anfühlt wie ein Gedanke, den man selbst noch nicht ganz zu Ende gedacht hatte. Laufschuhe. Hatte man nicht gestern kurz daran gedacht, wieder joggen zu gehen? Oder war es vorgestern?

Man steht in der Küche und macht Kaffee. Ein Ritual, das noch dem eigenen Willen gehorcht. Aber auch hier: Die Kaffeemaschine ist per App steuerbar, die Bohnen wurden auf Empfehlung eines Bewertungsportals bestellt, die Milch trägt ein Label, dessen Glaubwürdigkeit man nicht überprüft hat. Wohin würde der QR-Code darunter führen? Und während der Kaffee durchläuft, ploppt eine Mitteilung auf dem Bildschirm auf. Die Anlage-App: Bitte prüfen Sie Ihre Investstrategie, die Marktlage hat sich verändert. Eine Entscheidung, die man treffen soll, und die man nicht treffen kann, jedenfalls nicht informiert, nicht wirklich, nicht so, wie das Wort „Entscheidung“ es eigentlich verlangt. Man müsste Finanzmärkte verstehen, Zinseszinsrechnung, geopolitische Risiken, die eigene Risikobereitschaft richtig einschätzen können. Man müsste, kurz gesagt, eine Expertin sein für etwas, für das man kein Experte ist und nicht sein kann, weil man gleichzeitig auch Experte sein müsste für die Versicherungstarife, die Datenschutzeinstellungen des neuen Betriebssystems, die richtige Schulform für das eigene Kind und die Frage, ob E-Autos jetzt schon so weit sind oder Papa doch recht hat. Welche Stufe von Fahrassistenzsystemen brauche ich noch gleich?

Es ist jetzt sieben Uhr. Der Tag hat noch nicht begonnen, aber das Gefühl ist schon da: zu spät, zu langsam, zu wenig informiert. Nicht dramatisch, kein Zusammenbruch, kein Burnout, nicht einmal eine besonders schlechte Stimmung. Eher ein leises Rauschen im Hintergrund, das Gefühl, den Anforderungen des eigenen Lebens nicht ganz gewachsen zu sein. Obwohl man doch alles hat: Freiheit, Wahlmöglichkeiten, Zugang zu mehr Information als jede Generation vor einem. Obwohl doch alles da ist, was die moderne Gesellschaft versprochen hat.

Genau hier beginnt dieses Buch. Nicht bei der Klage über die Digitalisierung, über die übermächtige KI, die Politik, nicht bei der Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit, nicht bei der Anklage gegen Tech-Konzerne, obwohl manches davon seinen Platz haben wird. Es beginnt bei einer Irritation, die viele Menschen kennen, über die aber erstaunlich wenig gesprochen wird: Warum fühlt sich das Leben in einer Gesellschaft maximaler formaler Freiheit so oft nicht frei an? Warum erleben wir unseren Alltag als Überforderung statt als autonome Selbstverwirklichung?

Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist auch kein Ausdruck von Undankbarkeit gegenüber den realen Errungenschaften der Moderne: den Grundrechten, der Religionsfreiheit, der Gleichberechtigung, dem Sozialstaat, der medizinischen Versorgung, der Möglichkeit, dieses Buch zu schreiben und es zu lesen. All das ist wirklich, all das ist wertvoll, und nichts davon ist selbstverständlich. Aber die Frage bleibt: Wenn Freiheit und Gleichheit die beiden großen Versprechen der Moderne sind, die Ideen, für die Menschen auf die Barrikaden gegangen sind, für die Verfassungen geschrieben, Revolutionen geführt, Menschenrechtserklärungen unterzeichnet wurden, warum erleben so viele Menschen ihren Alltag nicht als Einlösung dieses Versprechens, sondern als eine Art Dauerlauf ohne Ziellinie?

Die Antwort, die dieses Buch vorschlägt, ist keine einfache. Sie lautet nicht: Die Digitalisierung ist schuld. Sie lautet auch nicht: Der Kapitalismus hat alles ruiniert. Sie lautet, knapp gefasst: In der digitalen Spätmoderne verkehrt sich die Erfahrung von Freiheit und Gleichheit für viele Menschen in ihr Gegenteil, nicht weil das Versprechen falsch wäre, sondern weil die Bedingungen, unter denen es eingelöst werden soll, systematisch überfordern.

Das klingt abstrakt, aber es ist sehr konkret. Es meint: Die Freiheit, zwischen dreißig Krankenkassentarifen zu wählen, erzeugt nicht das Gefühl, die eigene Gesundheitsversorgung souverän zu gestalten. Sie erzeugt Druck, die richtige Entscheidung treffen zu müssen. Verfügbarkeit von Internetzugang für alle bedeutet nicht, dass alle die gleichen Chancen haben, sich zu informieren. Sie bedeutet, dass alle Strömen und Stürmen von Informationen, Meinungen, Desinformation, ermächtigten KI-Systemen und algorithmischer Manipulation ausgesetzt sind, aber mit sehr unterschiedlichen Ressourcen, um durch sie zu navigieren. Die Freiheit, den eigenen Lebensweg selbst zu wählen, Autorin der eigenen Lebensgeschichte zu sein, ist kein Geschenk, wenn gleichzeitig die Strukturen fehlen, die diese Autorenschaft so absichern, dass die Geschichte nicht an ihrem Anfang schon weitgehend geskriptet ist. Wenn Bildung nicht chancengleich verteilt ist, wenn der Arbeitsmarkt prekär wird, wenn die Mietpreise schneller steigen als die Gehälter.

Das Versprechen der Moderne — jeder Mensch ist frei, jeder Mensch ist gleich an Würde und Rechten — ist nicht gebrochen. Es wird täglich erneuert und erfüllt, in Gerichtssälen, in Verwaltungsverfahren, in jeder demokratischen politischen Debatte, die sich auf Menschenrechte bezieht. Aber es wird auch täglich angegriffen von seinen Gegnern, mittlerweile auch in höchsten Staatsämtern ältester Demokratien. Und es wird unterlaufen, und zwar nicht nur durch bösen Willen oder schlechte Politik, sondern durch die Strukturen einer Gesellschaft, die immer mehr Entscheidungen an das Individuum delegiert, ohne ihm die Mittel zu geben, ohne es zu befähigen, diese Entscheidungen wirklich frei und informiert zu treffen. Die Soziologin möchte sagen: Dies ist die Individualisierung der Verantwortung bei gleichzeitiger Komplexitätssteigerung der Lebenswelt. Aber dieses Buch vermeidet solche Sätze, weil sie die Erfahrung auf Abstand halten, die es einfangen will: das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, auch wenn man noch nicht genau benennen kann, was.

Dieses Gefühl hat einen Grund. Und der Grund ist nicht persönliches Versagen. Wer sich überfordert fühlt von der Steuererklärung, der Altersvorsorge, der Frage, welche Ausbildung die richtige ist, der Auswahl des Stromtarifs, der Konfiguration der eigenen Datenfreigabe, der Bewertung von Nachrichtenquellen, der Sorge um das Klima, der Pflege der Eltern und der Aufrechterhaltung einer Beziehung — gleichzeitig, nebeneinander, ohne Pause —, der versagt nicht. Der reagiert angemessen auf eine unangemessene Zumutung.

Aber diese Erkenntnis sollte nicht in Resignation münden. Denn das Versprechen von Freiheit und Gleichheit ist nicht nur eine historische Episode, nicht nur ein schöner Gedanke aus dem achtzehnten Jahrhundert. Es ist ein regulativer Horizont. Es ist ein Maßstab, den wir an die Wirklichkeit anlegen können, um zu erkennen, wo sie hinter dem zurückbleibt, was möglich wäre. Ohne diesen Maßstab wäre die Überforderung der Gegenwart nicht einmal als Überforderung, als Enttäuschung unserer Erwartungen, als uneingelöstes Versprechen erkennbar. Sie wäre einfach normal, so wie Leibeigenschaft normal war, bevor jemand auf die Idee kam, dass Menschen frei geboren werden. Das Versprechen ist also beides zugleich: die Quelle der Enttäuschung und das Werkzeug, mit dem sich die Enttäuschung analysieren und — hoffentlich — verändern lässt.

Dieses Buch folgt diesem doppelten Faden. Es ist in drei große Gedankenbögen gegliedert, die aufeinander aufbauen, aber auch einzeln lesbar sein sollen.

Die erste Bewegung fragt nach dem Versprechen selbst. Woher kommen die Ideen von Freiheit und Gleichheit? Was meinen sie, und was meinen sie nicht? Warum tragen sie von Anfang an Widersprüche in sich, die nicht auflösbar, sondern nur produktiv bearbeitbar sind? Wie wurden sie zu den Grundlagen „westlicher“ moderner Gesellschaften, und warum ist ihr Erfolg zugleich die Quelle neuer Herausforderungen?

Die zweite Bewegung wendet sich der Gegenwart zu: der digitalen Spätmoderne als einer Gesellschaftsform, in der Freiheit und Gleichheit unter völlig neuen Bedingungen erfahren werden. Hier geht es um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, um die Macht der Algorithmen, um die Behandlung von Bürgerinnen als Datenpunkte, um die Illusion der Kontrolle und die Realität neuer Abhängigkeiten. Es geht um die Frage, warum eine Gesellschaft, die mehr Wahlmöglichkeiten bietet als je zuvor, gleichzeitig mehr Erschöpfung, immer noch Ungleichheit und wachsendes Misstrauen produziert. Und es geht darum, Überforderung nicht als individuelle Schwäche zu begreifen, sondern als Systemzustand.

Die dritte Bewegung schließlich fragt nach dem Möglichen: Was wäre, wenn man Freiheit und Gleichheit unter digitalen Bedingungen neu buchstabieren würde, nicht als nostalgische Rückkehr zu vordigitalen Verhältnissen, die es so nie gab, sondern als institutionelle Neugestaltung, die das Versprechen ernst nimmt, ohne die Realität zu verleugnen? Diese Bewegung ist die unbequemste, weil sie keine fertigen Antworten liefert, aber sie weigert sich, bei der Diagnose stehen zu bleiben.

Versprechen, Zumutung, Utopie. Das ist der Bogen, den dieses Buch beschreibt. Kein Niedergangsnarrativ, kein Fortschrittsnarrativ, sondern der Versuch, die Gegenwart zu deuten, und das Angebot, diesen Versuch gemeinsam zu machen.

Ein Wort noch dazu, was dieses Buch nicht ist und nicht sein will. Es ist kein Manifest, keine Streitschrift, kein politisches Programm. Es nimmt keine Partei, oder genauer: Es nimmt Partei nur für die Idee, dass gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich verstehbar und veränderbar sind. Es richtet sich nicht an ein Fachpublikum, obwohl es auf Forschung aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft zurückgreift. Es versucht, diese Forschung zu übersetzen, nicht zu vereinfachen, sondern zugänglich zu machen, ohne ihr die analytische Schärfe zu nehmen.

Und es geht von einer Annahme aus, die es mit seinen Leserinnen und Lesern teilen möchte: dass die Frage, wie wir frei und gleich leben können unter Bedingungen, die wir nicht vollständig durchschauen und noch weniger vollständig kontrollieren, keine akademische Frage ist. Sie ist nach meiner Überzeugung die entscheidende politische Frage unserer Zeit. Und sie betrifft jeden, der morgens sein Telefon entsperrt und das vage Gefühl hat, dass der Tag ihn bereits überholt hat, bevor er angefangen hat.

Was dieses Gefühl bedeutet, woher es kommt und ob es sich ändern lässt, davon handeln die folgenden Seiten.